Letzte Woche bekam ich diese Nachricht von Sarah aus Potsdam: „Marcel, überall im Internet lese ich dass man Anzuchterde sterilisieren soll – im Backofen bei 120 Grad oder in der Mikrowelle. Gegen Trauermücken und Schimmel. Machst du das auch?“
Meine ehrliche Antwort? Nein. Nicht mehr.
Vor ein paar Jahren hab ich’s selbst probiert. Die ganze Wohnung stank nach verbrannter Erde der Backofen war versaut – und trotzdem schimmelte meine Anzucht. Nur diesmal noch schneller als vorher. Da hab ich angefangen zu recherchieren was beim Sterilisieren von Anzuchterde wirklich passiert. Die Ergebnisse haben mich umgehauen.
In diesem Artikel erfährst du:
- 6 wissenschaftlich belegte Alternativen die wirklich funktionieren
- Warum Anzuchterde sterilisieren oft mehr schadet als nützt
- Was bei 100°C mit deinem Bodenleben wirklich passiert
- Die echten Ursachen von Schimmel und Trauermücken
Warum sterilisieren viele ihre Erde?
Beim Vorziehen von Pflanzen tauchen oft zwei Probleme auf die viele Gärtner dazu bringen ihre Anzuchterde zu sterilisieren:
1. Schimmel in der Anzuchterde
Durch feuchte Bedingungen und schlechte Belüftung kann sich auf der Erde Schimmel bilden der die jungen Keimlinge schädigt und das Wachstum hemmt. Besonders in Minigewächshäusern oder bei hoher Luftfeuchtigkeit ist das ein Problem.
2. Trauermücken in der Anzuchterde
Diese kleinen Fliegen legen ihre Eier in feuchte Erde und die geschlüpften Larven können die empfindlichen Wurzeln junger Pflanzen schädigen. Viele versuchen Trauermücken zu bekämpfen durch Erhitzen der Erde – doch ist das wirklich die beste Lösung?
Um das zu vermeiden legen viele ihre Anzuchterde für 30 Minuten bei 100-120°C in den Backofen oder erhitzen sie einige Minuten in der Mikrowelle. Das tötet Schimmelsporen und Mückenlarven – doch zu welchem Preis?

Das Problem mit sterilisierter Anzuchterde
Ja, Hitze tötet Schädlinge – aber sie zerstört auch alle nützlichen Mikroorganismen!
Ein einziger Gramm gesunde Anzuchterde enthält rund 10 Milliarden Bakterien aus über 1.000 verschiedenen Arten. Plus 120.000 Pilze und tausende andere Organismen die deine Pflanzen zum Wachsen brauchen.
Hier im Havelland haben wir sandigen Boden – ohne organisches Material und Bodenleben wächst hier nichts richtig. Bei Anzuchterde ist das genauso.
Warum sind Mikroorganismen wichtig?
Diese kleinen Helfer sind entscheidend für die Bodenbiologie und helfen jungen Pflanzen auf mehrere Weisen:
- Sie sorgen für eine gesunde Bodenstruktur und regulieren den Feuchtigkeitshaushalt
- Sie unterstützen die Wurzelbildung und das Nährstoffgleichgewicht
- Sie bekämpfen schädliche Pilze und Bakterien
Was die Wissenschaft über Anzuchterde sterilisieren sagt:
- Mykorrhiza-Pilze erweitern das Wurzelsystem um das Hundertfache und verbessern die Phosphataufnahme um bis zu 60%
- Trichoderma-Arten fördern laut Studien die Biomasse von Gurkensämlingen um 39% und schützen vor krankmachenden Pilzen
- Bacillus subtilis produziert über 24 antibiotische Substanzen die Krankheitserreger unterdrücken
- Bei Temperaturen über 82°C werden toxische Mangansalze freigesetzt (NASA-Studien)
Sterilisierte Erde ist also nicht nur tot sondern oft auch anfälliger für erneuten Schimmelbefall weil keine nützlichen Bakterien mehr da sind die das Gleichgewicht halten könnten.
Das Vakuum-Paradox: Warum sterilisierte Erde noch anfälliger wird
Eine wissenschaftliche Studie von 1974 zeigte: Sämlinge in gedämpfter Erde wurden häufiger von Bodenpathogenen befallen als in unbehandelter Erde. Warum? Weil die natürlichen Gegenspieler fehlten.
Stell dir vor du räumst einen Garten komplett leer. Kein Unkraut mehr. Klingt gut? Aber was wächst als erstes nach? Genau – Unkraut. Weil die gewünschten Pflanzen Zeit brauchen aber Unkraut sofort losballert. Genauso funktioniert das mit Mikroorganismen in sterilisierter Anzuchterde.
Bessere Alternativen gegen Schimmel & Trauermücken in der Anzuchterde
Anstatt deine Erde zu backen, probiere diese bewährten Methoden:
1. Hochwertige Anzuchterde verwenden
Am besten torffrei oder hochwertige Torferden und nicht aus dem Vorjahr da alte Erde oft bereits Trauermücken oder Pilzsporen enthält.
Ich nutze hauptsächlich Floragard Bio-Anzuchterde (Kooperationspartner) oder selbst gemischtes Kokossubstrat. Kokos hat gegenüber Torf klare Vorteile: neutralerer pH-Wert (5,8-6,8 statt 3,5-4,0) bessere Wiederbenetzung und gute Belüftung die Schimmel vorbeugt.

2. Für gute Luftzirkulation sorgen
Ein kleiner Ventilator oder leicht geöffnete Deckel von Minigewächshäusern reduzieren Schimmelbildung erheblich. Achte darauf dass die Erde nicht dauerhaft zu feucht bleibt. Das reduziert Schimmel auf Anzuchterde massiv und stärkt gleichzeitig die Sämlinge.
3. Eine dünne Sandschicht auf die Erde streuen
Sand trocknet schneller ab als Erde wodurch Trauermücken keine Eier ablegen können. Eine dünne Schicht auf der Oberfläche kann Wunder wirken! 1-2 cm Quarzsand reichen – das ist mein Geheimtipp gegen Trauermücken.

4. Gelbtafeln gegen Trauermücken aufstellen
Diese klebrigen Fallen helfen erwachsene Trauermücken frühzeitig zu erkennen und ihre Population zu reduzieren. Sie sind besonders effektiv in Innenräumen und geben dir einen guten Überblick über den Befall.
5. Natürliche Feinde gegen Trauermücken nutzen
Nematoden oder Neemöl sind effektive Mittel gegen Mückenlarven, ohne das biologische Gleichgewicht zu stören. Sie greifen gezielt die Larven an, ohne nützliche Mikroorganismen zu schädigen.
Meine Empfehlung gegen Trauermücken in Anzuchterde:
- Nematoden (Steinernema feltiae) – werden von der Landwirtschaftskammer NRW offiziell empfohlen. 0,5 Millionen Nematoden pro Quadratmeter Wirkdauer 3-4 Wochen
- BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) – ein spezifisches Fraßgift für Mückenlarven. Wenige Tropfen pro Gießkanne
6. Erde vor der Verwendung trocknen lassen
Statt die Erde zu backen kannst du sie einfach für einige Tage an der Luft trocknen lassen. Dadurch werden viele Schimmelsporen und Mückenlarven inaktiv – ohne dass du das Bodenleben zerstörst.
Bonus-Tipp: Trichoderma und Bacillus subtilis
Diese nützlichen Mikroorganismen kannst du aktiv in deine Anzuchterde einbringen statt sie zu sterilisieren. Trichoderma harzianum hemmt laut Studien pathogene Pilze um bis zu 68% und bietet 70-72% Schutz gegen Fusarium-Welke. In Kombination mit Bacillus subtilis erreichst du die Wirksamkeit chemischer Behandlungen – aber komplett biologisch.
Fazit: Gesunde Erde statt sterilisierte Erde!
Anzuchterde zu sterilisieren mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen doch auf lange Sicht schadet es mehr als es nützt.
Nach über 5 Jahren Anzucht-Erfahrung hier im Havelland kann ich dir sagen: Gesunde Erde lebt – und genau das brauchen deine Pflanzen für ein starkes Wachstum. Das Bodenmikrobiom ist kein Feind sondern dein Verbündeter.
Setze stattdessen auf vorbeugende Maßnahmen und natürliche Alternativen um Schimmel und Trauermücken in der Anzuchterde zu vermeiden: Frische hochwertige Erde + optimierte Kulturführung (von unten gießen Oberfläche abtrocknen lassen täglich lüften) + bei Bedarf biologische Kontrollmethoden.
Das Bodenleben ist keine Schwäche deiner Anzuchterde. Es ist ihre Stärke.
Kann ich Anzuchterde in der Mikrowelle sterilisieren?
Technisch ja – aber ich rate davon ab. In der Mikrowelle wird Anzuchterde ungleichmäßig erhitzt. Außerdem zerstörst du auch hier alle nützlichen Mikroorganismen. Die Probleme sind dieselben wie beim Anzuchterde sterilisieren im Backofen.
Soll ich alte Gartenerde sterilisieren für Anzucht?
Alte Gartenerde würde ich nicht für Anzucht verwenden – auch nicht sterilisiert. Sie ist oft zu schwer verdichtet schnell und kann Samen-Krankheiten enthalten die selbst bei 100°C überleben. Besser: Frische Anzuchterde kaufen.
Was mache ich wenn Anzuchterde schimmelt?
Oberflächlichen weißen Schimmel auf Anzuchterde kannst du vorsichtig abkratzen und die Erde danach gut belüften. Eine dünne Zimtschicht drauf streuen (wirkt antimykotisch). Wichtig: Ursache beheben! Weniger gießen besser lüften.
Ist torffreie Anzuchterde genauso gut?
Ja! Hochwertige torffreie Anzuchterde aus Kokosmark und Holzfasern funktioniert oft sogar besser. Kokos hat einen neutraleren pH-Wert und bessere Belüftung. Wichtig ist nur dass du eine gute Marke wählst.
Wann macht Anzuchterde sterilisieren Sinn?
Eigentlich nur bei Langkeimern wie Kakteen Palmen oder Bananen die über 12-24 Monate keimen. Da überwiegt das Risiko durch die lange Standzeit. Für normale Gemüse-Anzucht mit 1-3 Wochen Keimzeit ist Anzuchterde sterilisieren nicht nötig.







